Mittwoch, 25. April 2007

VOM MYTHOS ZUM LOGOS



Dem Literaturtheoretiker Peter von Matt gelang in seinem 2002 gehaltenen Vortrag Ästhetik der Hinterlist eine sehr interessante Beobachtung:



Einen Intriganten gibt es in der Weltliteratur, der von uns, den Zuschauern, zwingend als Teufel erfahren wird, auch wenn wir den Bösen Geist sonst längst verabschiedet haben: Jago in Shakepeares Othello. Im Akt seiner Entlarvung fällt denn auch, wie zu erwarten, das Wort Teufel, aber in merkwürdiger Weise anders als auf bloß rhetorische Art. Othello, der durch Jagos Intrige seine geliebte Desdemona ermordet hat, erwacht aus seiner Raserei und sieht den entlarvten Jago vor sich. Da sagt er:

     I look feel down towards his feet, but that’s a fable,
     If that thou be’st a devil, I cannot kill thee.

»Ich schau auf seine Füße« – um zu sehen, ob Jago einen Bocksfuß hat –, »aber es ist ja ein Märchen, daß ich dich nicht töten kann, wenn du ein Teufel bist.« Und dann haut er nach ihm mit dem Schwert. Er wird sofort entwaffnet, und Jago sagt ganz ruhig: »I bleed, sir, but not kill’d«. Das ist einer dieser winzigen Shakespeare-Momente, wo sich ein Abgrund auftut, den man erst sieht, wenn man mit der Lupe liest. Othello hat die mittelalterliche Vorstellung erwähnt, daß man einen Teufel nicht töten könne, und hat daraufhin Jago zu töten versucht. Wenn Jago nun feststellt: »Ich bin verwundet, aber nicht getötet«, blitzt da nicht auch die Bedeutung auf: »Siehst du, ich bin ein Teufel«? Wie immer man diese Stelle lesen will, sie markiert den genauen Übergang vom theologischen Teufel zum innerweltlichen Intriganten.

Und dieser Jago ist es nun auch, der im Verlauf seiner Intrigenarbeit den Satz äußert, der programmatisch ist für alle Intriganten und den zivilisationsgeschichtlichen Aspekt der Intrige frappant ins Licht rückt. Er sagt zu seinem Helfer: »We work by wit, and not by witchcraft.« Witchcraft, das ist Magie, ist Arbeit mit dem Übersinnlichen, dem Dämonischen. Wit ist das Gegenteil davon: die aufgeklärte Intelligenz, List und Berechnung. Der Inbegriff aller bösen Intriganten in der europäischen Literatur bestimmt also sich selbst demonstrativ aus dem Übergang von der Magie zur Logik, vom Mythos zur Wissenschaft, als ein Prozeß der Modernisierung. Er fabriziert und ist zugleich das Schicksal Othellos und Desdemonas, ist es so sehr wie nur je ein Götterfluch oder eine Planetenkonstellation es hätten sein können.



In: Peter von Matt, Ästhetik der Hinterlist. Zu Theorie und Praxis der Intrige in der Literatur. Erweiterte Fassung eines Vortrags, gehalten in der Carl Friedrich von Siemens Stiftung am 4. Februar 2002. München : Carl Friedrich von Siemens Stiftung, 2002 (Themen ; Bd. 75), S. 30–31.


Siehe auch:

Peter von Matt, Die Intrige. Theorie und Praxis der Hinterlist. München; Wien : Carl Hanser, 2006, 498 S. (ISBN 3-446-20731-7)











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